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Günter-Eugen Jaffke

Vorwort aus "Hannas Briefe"

Auszug aus "Hannas Briefe[n]". Veröffentlicht im Wieden Verlag, Crivitz.

Hanna Jaffke, meine Mutter, geboren am 16. Oktober 1901 in Neutomischel, gestorben am 30. September 1988 in Schönberg/Meckl., hinterließ einen Ordner mit vierzehn Briefen. Darin geht es um ein Ereignis, das sie am meisten bewegte. Noch in ihren letzten Stunden sprach sie davon.

Einst lebte sie in einem Haus, das in Hinterpommern stand, tausend Meter von der Grenze zu Polen entfernt. An diesem Haus vorbei marschierte, ritt und rollte im September 1939 die deutsche Wehrmacht nach Polen hinein; der 2. Weltkrieg begann.

Hanna, damals eine Frau von 38 Jahren, stand an der Straße und winkte den Soldaten zu, schrecklich aufgeregt. Sie reichte ihnen selbstgemachten Obstsaft, denn es war sehr heiß in jenem September. Sie wusste nicht, wie wohl alles endet, aber doch hoffte sie. Die Soldaten sangen und waren scheinbar guter Dinge. Vielleicht wird alles nicht so arg, dachte Hanna. Sie hatte schon einmal Anfang und Ende eines Kriegs miterlebt, vom 13. bis zu ihrem 17. Lebensjahr. Ein paar Tage später lehnte sie still an der Gartenpforte, und sie winkte nicht, als die Autos vorüberfuhren, die den Asphalt blutig betropften. In den Lastern lagen verwundete Soldaten. Sehr viele tropfende Autos kamen tagelang vorbei.

Die polnische Armee leistete irgendwo zwanzig Kilometer hinter der Grenze heftigen Widerstand. Man las es übrigens in keinem Wehrmachtsbericht.

Dann, wieder einige Tage später, kamen die geschlagenen polnischen Soldaten, umgeben von deutschen Posten mit Gewehren. Vorne gingen - stolz aufgereckt - polnische Offiziere in ihren hübschen Uniformen mit den viereckigen Mützen. Hanna kannte polnische Offiziere, sogar einen General, den einstigen Kriegsminister Polens, Kazimierz Sossnkowski. Auf dessen Landgut war sie in jungen Jahren Sekretärin der Försterei. Das Schicksal der vielen polnischen Männer, die an ihrem Gartenzaun entlang in die Gefangenschaft geführt wurden, ging ihr sehr nahe; Hanna - müssen Sie wissen - hatte einen polnischen Vater. - Kurzum, so begann der Krieg für sie.

Als er aber zu Ende ging, da verließ Hanna das Haus an der ehemaligen Grenze. Es war ein frostklirrender, sonniger Wintertag, der 25. Januar 1945. Um 11.15 Uhr setzte sich der lange Möbelwagen aus Danzig in Bewegung. Darinnen waren keine Umzugsmöbel, sondern fest montierte Doppelstockbetten, ein glühender eiserner Ofen, viele
Gepäckstücke und ungefähr 15 Menschen, mit einer Ausnahme nur Frauen und Kinder und Hanna mit ihrem Sohn, der ein klitzekleines Tagebuch führte, das es heute noch gibt. Darin notierte er folgende Stationen der Flucht Hannas vor den heranrollenden Schlachten, Gefechten und Greuel des Krieges: 26. und 27. Januar Stolp, 28. Januar Köslin, 29. Januar Gollnow, 30. Januar Stettin-Sydowsaue, 31. Januar Wendemark, 1. Februar Woldegk, 2. Februar Neubrandenburg und Ankunft in der Zirzower Mühle, dem Ziel ihrer Flucht. Der Möbelwagen fuhr weiter nach Westen.

Glatteis, Schneetreiben und die schwache Leistung der Holzgas-Zugmaschine führten zu den kurzen Tagesstrecken. Besonders wichtig jedoch ist der Aufenthalt in Stolp am 26. und 27. Januar. Hanna erzwang diesen langen Halt, um in einem Stolper Lazarett den Chefarzt und die Oberin den ganzen Tag mit einem Antrag zu bestürmen.
Sie forderte, entlassen Sie die Schwesternschülerin Christiane Jaffke. Ich muss sie mitnehmen. Wenn es nicht geht, versetzen Sie das Mädchen an das Lazarett Neubrandenburg. Abends war der Chefarzt dazu bereit, aber nicht Christiane Jaffke, fast achtzehn Jahre alt. Ich verlasse die Verwundeten nicht, schrie sie ihre Mutter an. Sehr vergrämt und verzweifelt stieg Hanna zu den ungeduldig wartenden Danziger Flüchtlingen in den Möbelwagen. Sie musste ihre Tochter in Stolp zurücklassen. Es war ein Abschied für immer. Sie wusste es nur noch nicht.

Anfang Februar, als Hanna Neubrandenburg erreichte, stieß die Rote Armee in Pommern von Süden steil nach Norden an die See über Köslin vor und schloss damit den hinterpommerschen Raum mit Stolp und Lauenburg, auch Danzig und Elbing ein. Die Schwesternschülerin
Christiane Jaffke lebte fortan, wie man es damals nannte, in einem Kessel, aus dem heraus zu kommen nur möglich war zu fliegen oder mit Schiffen über die Ostsee zu fahren. Sie wurde nach der Einschließung, vielleicht auch schon vorher, schließlich doch aus dem Lazarett entlassen oder beurlaubt und ist mit dem Zug ostwärts nach Hause gefahren.

Hanna telefonierte wochenlang fast jeden Tag aus Zirzow bei Neubrandenburg über Wehrmachtsleitungen mit dem Heimatdorf in Hinterpommern. Wen sie erreichen konnte, beschwor sie, ihre Tochter sofort auf die Reise zu schicken. Meistens sprach sie mit Artur Schröder, dem Bürgermeister, einem beinamputierten ehemaligen Soldaten des 1. Weltkriegs, der dies glatt ablehnte.

Von Artur Schröder und seiner Familie werden Sie in den Briefen lesen. Er war ein beliebter Bürgermeister, hatte eine nette und sehr schlanke Frau, die ihm drei Kinder schenkte. Sie waren 1945 die siebzehnjährige Eleonore mit dicken schwarzen Zöpfen, ein sportliches Mädchen, das aus jeder Höhe und von jeder Brücke kopfüber ins Wasser sprang, und deren Brüder Edgar, damals sechzehn sowie Joachim, den alle mit seinem Kosenamen Schiebchen, im Sinne von Spätzchen, riefen, fünfzehn Jahre alt. Joachim, gleichaltrig mit Günter Jaffke, war ein ausgesprochen schöner Junge.

Als Hanna das Dorf verließ an jenem weißstrahlenden 25. Januar 1945, kam Schiebchen mit dem Fahrrad und brachte die seinerzeit nötige Lebensmittelkarten-Abmeldung, die sein Vater, der Bürgermeister Artur Schröder, ausgestellt hatte.

Damals gelang es Hanna nie, ihre Tochter selbst an den Telefonapparat zu bekommen. Sie sprach zum Beispiel mit Major Ruppersberg, dem Chef der nahegelegenen Flugzeugführerschule. Diese Wehrmachtsdienststelle, die seit 1940 existierte, hatte ihre Telefonvermittlung in Hannas Gehöft etabliert. Dort nun diente der Oberfeldwebel Friedrich Frotzel. Seine Nachrichten über das Schicksal von Christiane Jaffke vor dem 12. März nährten die Hoffnungen Hannas und beflügelten ihre Anstrengungen zur Rettung des Kindes. Frotzels Briefe kommen alle schnell aus dem eingekesselten Gebiet heraus, sogar aus dem stark eingeschnürten Raum um Gdynia/Gotenhafen, und bis zuletzt erreicht ihn die Post von Hanna aus dem fernen Mecklenburg.

Hanna, kühn wie sie war und findig, spürte in der Nähe von Neubrandenburg Fliegeroffiziere auf, die jede Nacht vom Flughafen Trollenhagen in den Kessel flogen. Sie beschwor sie (und bestach sie wohl auch), Christiane Jaffke zu suchen und - wenn es sein muss - gewaltsam in ein Flugzeug zu bugsieren. Die Männer sollen sich sehr bemüht haben. Mutter erzählte, einer sei bis zu Major Ruppersberg gelangt. Aber zu ihrer Betrübnis scheiterten auch diese Versuche.

*

Alles andere von Kampf und Niederlage Hannas steht in den Briefen, die - zumeist in gotischen Zeichen und manchmal nur mit blassem Stift geschrieben - von mir hier am Anfang mit ihren Texten und am Ende des Buchs im Original überliefert werden.

Schwerin, den 6. Januar 2006 Günter Jaffke.


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