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Günter-Eugen Jaffke

Die Insel

Auszug aus seinem Buch "Goethe kommt nach Teterow". Veröffentlicht im Wieden Verlag, Schwerin.

Der Fischer nickte nur. Er war einverstanden. Und wann fahren Sie rüber, fragte der Matrose. Klock fief führck aff, sagte Rütling und hantierte weiter in seinem Boot. Er klarierte es für morgen. Der Matrose stand oben auf der Spundwand und sah Rütlings Vorbereitungen ein Weilchen zu. Soll ich etwas helfen? Rütling schüttelte den Kopf. Gut, dann also bis morgen früh um fünf, sagte der Matrose. Rütling nickte, und der Matrose ging. Er freute sich. Rütling würde ihn morgen mitnehmen, hinüber auf die Insel.

Die Insel kannte der Matrose bisher von der Seekarte und von dem, was er mit dem Glas gesehen hatte; einen Deich, über den hier und da braune und rote Dächer lugten, dahinter eine blaue Wand, den Wald. Mit dem bloßen Auge war alles ein Strich, ein grüner oder grauer Strich, je nachdem, wie der Himmel das Wasser einfärbte. Aber mit dem großen Glas nahm man viel mehr wahr. Manchmal konnte er weiße Tupfen vor der Insel erkennen, Schwäne, die im flachen Wasser gründelten. Es war dort nicht tief. Er wusste es aus der Karte. Nach allem, was der Matrose erfahren hatte, müsste es auf der Insel herrlich sein. Im Frühsommer blühte der Ginster in langen gelben Streifen hinter dem Deich. - Er nahm sich vor, die Insel zu besuchen. Vielleicht ließe sich ein Zimmer finden für den Urlaub; natürlich nicht für ihn allein. Wer möchte schon allein auf einer Insel Urlaub machen?

Wenn der Matrose nach einer klaren Nacht den Sonnenaufgang erlebte, dann richtete er das große Glas auf die Insel. Er beäugte sie von Nord nach Süd und von Süd nach Nord. An windstillen Tagen stieg früh Rauch auf hinter dem Deich, und er dachte, wie es dort wohl zuginge in den Küchen, was sie brutzelten oder kochten. - Abends, im Schein der untergehenden Sonne, leuchtete der westliche Uferstreifen rötlich auf. Dann verabschiedete sich der Matrose. Gute Nacht, Insel, sagte er. Niemand hörte ihn. Keiner wusste etwas von seiner Liebe für dieses Stück Erde, das dort als schmaler Streifen über dem Wasser lag.

Nun freute er sich. Morgen früh um fünf fährt er mit Rütling hinüber im offenen Fischerboot. Der Diesel schiebt das Boot kräftig vorwärts, und die Insel wird zusehends näher kommen, größer werden. Davor stehen Rütlings Reusen. Der Fischer wird den Matrosen an Land setzen und ein paar Stunden später abholen. So soll es sein. Aber am anderen Morgen tuckerte Rütling schon weit draußen, als der Matrose im Bootshafen erschien. Wütend schleuderte er seinen Beutel an die Erde und setzte sich enttäuscht auf die Spundwand. Er schirmte die Augen mit der Hand und schaute Rütling nach, der aufrecht im Boot stand und viel zu weit weg war, als dass er ihn hätte rufen können. Der Matrose sah auf die Uhr. Es war genau die volle Stunde. Rütling musste etwa drei Minuten vor der vereinbarten Zeit abgelegt haben. Hatte er es sich anders überlegt? Erst am nächsten Tag sollte der Matrose den Grund erfahren.

Rütling flickte seine Netze. Wollten Sie lieber allein fahren, fragte er ihn. Rütling schüttelte den Kopf und sagte, während seine Hände flink neue Maschen strickten: Klock fief führck aff. Aber ich war um fünf Uhr hier an der Station, sagte der Matrose, genau Punkt fünf Uhr. Rütling zuckte nur mit den Schultern. Ick hew keen Klock, sagte er, ohne vom Netz aufzusehen.

Als dem Matrosen diese kritische Lektion über Pünktlichkeit zuteil wurde, hatte er die Insel schon besucht. Er war dort gewesen. Es musste eben ohne Rütling gehen. Zwei Wege gibt es zur Insel. Der eine, der Seeweg, führt geradlinig über das Wasser hin. Nun, es ist nicht ganz korrekt. Es sind einige Untiefen zu umfahren; dennoch, man sieht dabei die Insel ständig backbord oder steuerbord voraus. Der andere, der Landweg, der dem Matrosen blieb, etwa fünfzig Kilometer weit, hat viele Bögen und Umwege, quert die große Stadt, läuft über den langen Damm, und dann - auf der anderen Sundseite - folgt er schönen Alleen.

Endlich lag die altersschwache Pfahlbrücke vor dem Matrosen. Über sie erreichte er vom rügenschen Ufer aus sein Ziel. Auf ihren Holzbohlen schob er das Fahrrad, denn er wollte die Insel mit den Füßen berühren. Er hatte es vollbracht. Es war neun. Gleich hinter der Brücke duckte sich unter Eichen eine kleine Ortschaft; linker Hand ein Kirchlein, ein Friedhof dabei, von einer Feldsteinmauer umgeben, das Küsterhaus, die kleine Schule, alles Fachwerk. Der Matrose lehnte das Rad gegen die Friedhofsmauer, setzte sich ins Gras, rauchte und war glücklich. Die Insel, dachte er, die Insel, sieh mal an, geschafft, ohne Rütling, dachte er. - Er hatte sie von der Seite betreten, die der See abgewandt ist. Deshalb zog es ihn fort. Er wollte auf die westliche Seite, einmal von dort aus über das Wasser sehen, auf dem Deich stehen und die Weite der Landschaft in sich aufnehmen, auf seine Leistung stolz sein, am liebsten an den Reusen Rütling erkennen und ihm zurufen, he! Ich bin fünfzig Kilometer Rad gefahren und auch hier!

Er begann also seine Fahrt über die Insel und radelte einen schmalen Pfad entlang, der in den Wald hineinführte, in dem ihm die Stille auffiel; ein Buchenwald. Bald begegnete er einer Alten mit einem Korb. Er konnte nicht erkennen, was sie darin trug. Ein weißes Tuch bedeckte den Inhalt; Eier oder Fische, dachte er, aber vielleicht war es das Frühstück für einen Waldarbeiter. Die Alte trat vom Pfad herunter, um ihn vorbei zu lassen. Sie erwiderte freundlich seinen Gruß und starrte ihm noch lange nach.

Der Wald öffnete sich zu einer Lichtung. Zuerst hörte er Hühner gakkern, dann sah er das Häuschen. Es war weißgekalkt, hatte kleine Fenster und über allem ein dickes Schilfdach. Hinter dem Gehöft konnte nicht mehr viel Wald stehen, vermutete er, dort müsste bald der Deich zu sehen sein. Der Matrose wollte gleich in diesem Haus nach einem Zimmer fragen. Er stieg ab und sah sich um. Ja, dies schien ein wunderbarer Urlaubsort zu sein. Ein Haus im Wald, sehr geschützt gegen die Seewinde und nahe genug zum Strand hin gelegen. Er ging darauf zu und sah eigentlich nun erst richtig, wie klein es war. Bevor er anklopfte, probierte er ein paarmal, ob er mit der Hand, ohne sich hochzurecken das Schilfdach berühren konnte. Er konnte.

Auf sein Klopfen meldete sich niemand. Die Tür war nicht verschlossen. Er trat vorsichtig ein und fragte laut: Guten Tag! Ist hier jemand? Alles blieb ruhig. Der Matrose stand in einem niedrigen Flur auf abgetretenen roten Ziegelsteinen. Es war sehr sauber. An einem Kleiderhaken hingen ein Knotenstock, eine grüne Joppe und ein Filzhut. An jeder Flurseite waren zwei Türen, an eine klopfte er. Eine Männerstimme rief: Herein!

Der Matrose öffnete und sah zwei alte Leute, die nebeneinander auf einem Sofa saßen und die er offenbar beim Frühstück antraf. Sie musterten ihn mit einem sonderbar erschreckten Ausdruck, so dass er darüber vergaß, ihnen einen guten Morgen zu wünschen. Noch mehr beeindruckte ihn die Ausstattung des Zimmers. Über dem Sofa, hinter den beiden Alten, hingen in breiten Goldrahmen die Porträts von Wilhelm II. und der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria. Dünne Ketten hielten eine im Messingschmuck glänzende Petroleumlampe an der Decke. Neben dem kleinen Fenster stand ein hoher Schrank mit schmalen Türen und einem gedrechselten Sims voller Südseemuscheln und Fotos. In der einen Zimmerecke sah er eine bunt bemalte Truhe mit einem Spitzentüchlein auf dem Deckel, in der anderen Ecke eine Nähmaschine. Am meisten aber fesselten ihn die kolorierten Bilder des Kaiserpaars.

Da nahm die alte Frau die Hände vor das Gesicht und weinte leise. Der Mann legte den Arm um sie, strich über ihr dünnes graues Haar und sagte: Mutter, so hör doch ... Der Matrose war ganz verstört. Was hatte dies alles zu bedeuten? Als sein Blick durch das Stübchen glitt, entdeckte er auf dem Sims des hohen Schränkchens das Foto eines Matrosen, schwarzumflort. Jetzt glaubte er zu verstehen. Entschuldigen Sie, verzeihen Sie bitte, ich wollte, ich wusste ja nicht ... Er stammelte.

Der Alte fasste sich zuerst. Kumm, min Jung, sagte er, kumm binnen, set di dal und si still. Der Matrose nahm die Bändermütze ab und setzte sich steif und unbeholfen auf einen Stuhl neben dem Tisch. Es verging eine Weile. Die Frau beruhigte sich allmählich an der Schulter des Alten. Dann wandte sie sich dem Matrosen zu, wischte sich die Augen, stand auf, nahm ihm die Bändermütze aus den Händen und ging damit zum Fenster. Sie las die goldgestickte Aufschrift. Nein, sagte sie, meiner war bei der Kriegsmarine. Er fuhr auf einem U-Boot, erklärte der Alte. Das Boot ist untergegangen, weißt du. - Ja, aber wie er eben so da stand, sagte die Frau, da dachte ich, mein Gott, dachte ich, er ist doch wiedergekommen. Er sieht ihm so ähnlich. Mutter, lass den Jungen, sagte der Alte, und der Matrose wusste nicht, ob er oder der verlorene Sohn gemeint war.

Ja, sagte sie, ich mach’ dir ‘was, du hast Hunger. Nein, danke, sagte der Matrose, keine Umstände ... Doch, sagte die Frau, ich mach’ dir ‘was. Sie wurde lebhaft, öffnete den Schrank, nahm ein Tischtuch heraus, räumte den Tisch ab, trug das Geschirr hinaus und begann geschäftig in der Küche zu klappern. Der Matrose blieb mit dem Alten allein.

Woher kommst du, fragte der Alte. Von der anderen Seite, hier genau gegenüber, sagte der Matrose. Da war ich mein Lebtag noch nicht, sagte der Alte, ich bin immer hier im Wald. Sind Sie der Waldhüter, fragte der Matrose. Ja, ich bin immer hier, sagte der Alte. Waren Sie nie von der Insel ‘runter, fragte der Matrose. Doch, war ich, antwortete der Alte, siebzehn eingezogen, achtzehn schon zurück, neunzehn war ich noch mal in Stralsund, dann nicht mehr. - Der Matrose betrachtete die Petroleumlampe, die von der Decke hing. Sie hat in all den vielen Jahren hier gehangen, immer so regungslos wie jetzt, dachte er.

Und du bist bei der Marine, fragte der Alte. Naja, sagte der Matrose. Marine hat es immer gegeben, sagte der Alte, Marine muss sein. Jaja, sagte der Matrose und gedachte des Kaisers, der hier zu sehen war.

Dann kam die Frau herein und deckte den Tisch für den Matrosen, gebratene Eier mit Speck, Brot und Buttermilch. Sie setzte sich ihm gegenüber hin und freute sich daran, wie es ihm schmeckte. Er dachte, wer fünfzig Kilometer mit dem Rad fährt, um diese lieben Alten und den Kaiser Wilhelm zu sehen, hat es sich verdient. Er ließ nichts übrig.

Hier hätte er seine Inselreise beenden können. Die beiden waren sofort bereit, ihm dies Zimmer zu geben, und sie schienen sehr besorgt, dass der Matrose bei anderen Leuten sein Urlaubsnest finden könnte. Dein Mädchen kannst du mitbringen, sagte die Frau. Unser Junge hat sein Mädchen auch mitgebracht. - Ja, dachte der Matrose, sie kriegt es fertig und macht mir eine Szene wegen der Bilder von Wilhelm II. und Auguste Viktoria. Sie wechselt über Nacht die Fotos aus.

Er wollte weiter. Die Alten brachten ihn an den Weg. Falls er nicht Besseres fände, sollte er wiederkommen. Es wäre doch schön. Die alte Frau küsste den Matrosen auf die Wange, drehte sich um und ging gebeugt ins Haus. Der Alte winkte mit dem Stock, solange die weiße Matrosenmütze zu sehen war.

Dann trat der Wald zurück, und saftige Wiesen dehnten sich bis zum Deich, der rundherum alles einschloss. Der Weg führte direkt den Deich hinauf und setzte sich oben fort. Der Matrose trat kräftiger in die Pedalen, nahm gewissermaßen einen Anlauf und hielt auf der Deichkrone. Er legte das Rad hin und warf sich ins Gras. Er sah sich satt an der Weite. Das Wasser leuchtete grün, Schwäne darauf in hellen Scharen, in weißen Gruppen. Vor der Insel standen überall Reusen. Rütlings Boot war aber nicht zu sehen. Voraus lag die offene See unter einem blauen, wolkenlosen Himmel. Links überragte etwas Land den Horizont, ein Streichholz steckte darauf, unscharf und schlecht zu erkennen. Das Streichholz ist der Leuchtturm, dachte der Matrose. Junge, welche Strecke! Und heute noch zurück. Ich muss weiter.

Er fuhr auf dem Deich bis zum Fischerhaus, das der Erdwall gut beschützte. Der Fischer saß auf einer Bank am Deich und sog an seiner Pfeife. Was will die Marine hier, fragte er. Ach nichts, sagte der Matrose, bloß ‘mal so gucken, wie die Insel von hier aussieht. Von wo siehst du sie sonst, fragte der Fischer. Der Matrose zeigte zu dem Streichholz. Und kommst mit dem Rad, fragte der Fischer. Da hätte dich Rütling mitnehmen können. Er war heute hier. Rütling ist zu früh abgefahren, sagte der Matrose. Das kann nicht sein, widersprach der Fischer. Rütling fährt nie zu früh los. Ich kann nach Rütling meine Uhr stellen. Ich nicht, sagte der Matrose. Der Fischer sagte nichts dazu. Ihm gefiel die Antwort des Matrosen nicht. Der Matrose merkte es und ärgerte sich. Die Verhandlungen hatten gerade so schön begonnen. Der Fischer schien ein umgänglicher Mensch zu sein. Er war ein kräftiger, schlanker Mann und höchstens vierzig Jahre alt. In seinem offenen Gesicht konnte man Gedanken lesen. Jetzt denkt er: Grünschnabel, dachte der Matrose. Der Fischer war ihm sympathisch. Hier ist der richtige Urlaubsort, dachte er. Ich muss mit diesem Fischer ins Reine kommen. Wohnen Sie schon lange hier, fragte der Matrose. Jadoch, sagte der Fischer, grinste und stocherte umständlich in seiner Pfeife herum, vierhundert Jahre.

Da rief eine Frau aus dem Haus hinterm Deich: Ihr könnt essen! Der Fischer stand auf und wandte sich zum Gehen. Na, komm’ mit, sagte er, du bist gemeint oder siehst du hier außer uns jemanden? Ich habe gerade gegessen, sagte der Matrose, folgte aber dem Fischer an einem Schuppen entlang hinunter zum Haus. Der Fischer antwortete nicht. Sie gingen durch seinen Obstgarten. Rings um das Haus leuchteten Sommerblumen.

An der Haustür lächelte ihnen die Frau entgegen. Sie gab dem Matrosen die Hand. Er fand, sie passte gut zu dem Fischer. Sie war so groß wie er, so schlank wie er, trug ihr braunes Haar im Nacken geknotet, hatte eine frisch gebügelte bunte Schürze um und schien wohl, taxierte er, zehn Jahre jünger als der Fischer zu sein. In der Küche stellte sie eine Schüssel Wasser und Seife hin, reichte dem Matrosen ein Handtuch und trug inzwischen nebenan auf. Er wusch seine Hände und ging dann ins Zimmer.

Die holzfarbenen Dielen waren gespänt und hell gebohnert. Der Raum wirkte schlicht mit seinen stillosen Möbeln, mit Schrank, Couch, Tisch und Stühlen. Die Wände zierten allerdings hübsche Aquarelle, Küstenlandschaften. Auf einem kleinen Tisch am Fenster stand das Radio, ein schwarzer Blechkasten, dahinter die Anodenbatterie, groß wie ein Schuhkarton. Bei Tisch wurde nicht gesprochen. Die Frau schöpfte die Teller voll. Der Matrose wünschte guten Appetit, und sie antwortete: Gleichfalls. Der Fischer brummte nur irgendetwas.

Während er aß, dachte der Matrose, dass diesem Fischerhaus aus allen Winkeln und Ecken Reinlichkeit und Ruhe entströmten. Er wollte gerade fragen, ob sie Kinder hätten, verbiss sich aber das Wort, weil er rasch überlegte, sie haben entweder erwachsene Kinder oder aber gar keine. Der Hausatmosphäre nach hielt er das Letzte für wahrscheinlicher. Er hatte nirgendwo Spuren von Kindern bemerkt, nicht im Garten, nicht im Haus.

Seine Gastgeber aßen bedächtig und waren ganz bei der Sache. Die Frau indessen hatte dennoch den Teller des Matrosen im Auge und stand auf dem Sprung, um ihm nachzufüllen. Er wollte diesen beiden freundlichen Leuten gerne etwas Freundliches sagen, natürlich auch, um dann zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen. Er räusperte sich und begann: Sie wohnen also, Ihre Familie meine ich, vierhundert Jahre an diesem Ort? Er erhaschte einen schnellen Blick zwischen der Frau und dem Fischer. Der Fischer antwortete erst nach dem nächsten Löffel: Das ist wahr. Es stimmt. Er löffelte weiter.

Die Frau sagte nichts. Sie sah einen Augenblick nicht auf, hielt aber den Teller des Matrosen immer unter Kontrolle und die Zeit für gekommen, nach der Kelle zu greifen. Der Matrose bedeckte ihn mit der Hand. Vielen Dank, sagte er, wirklich, ich musste doch beim Waldhüter essen. Da sagte der Fischer: Du hast noch einen sehr weiten Weg, iss! - Als die Frau nach dem Teller des Matrosen langte, trafen sich ihre Augen. Ach, du mein Schreck, dachte er, das ist es. Der Fischer ist der Letzte in einer vierhundertjährigen Reihe. Sie haben keine Kinder und sind darüber unglücklich. So muss es sein, dachte er. Dies verschloss ihm bis zum Ende der Mahlzeit den Mund.

Für das Essen bedankte er sich und zeigte Eile, weiter zu fahren. Er gab der Frau zum Abschied die Hand und ging mit dem Fischer zurück auf den Deich. Dort sprach er mit ihm über das Zimmer. Der Fischer sagte, komm’ wann du willst. Ja, komm’, sie wird sich ebenso freuen. Als der Matrose auf dem Rad saß, sagte der Fischer: Sie ist, weißt du, nicht meine Frau. Meine Frau ist fort, weil wir keine Kinder hatten. So ist es. - Entschuldigen Sie, sagte der Matrose, ich melde mich dann.

Das Rad rollte. Wenn du kommst, rief ihm der Fischer nach, fahr’ mit Rütling. Der Matrose hörte es und dachte, so ein Pech! Sie sitzen vierhundert Jahre, also etwa seit 1550 hier auf der schönen Insel. Und nun ist es aus mit ihnen. - Er musste aufpassen, der Pfad verließ den Deich. Auf der Landseite ging es steil abwärts in die Wiesen hinunter. Dort drehten sich hier und da die Flügel der Windturbinen auf ihren Stahlmasten, um das Wasser in Grenzen zu halten. Über dem Wald flimmerte die Mittagswärme. Dem Matrosen wurde es heiß in seiner dunkelblauen wollenen Kieler Bluse. Doch er konnte nicht schon wieder rasten.

Er folgte dem Pfad nach Norden, war aber in Gedanken südwärts bei dem Fischer. Er versuchte zu errechnen, wie viele Generationen in vierhundert Jahren dort gelebt hatten. Er entschloss sich, den Abstand von Generation zu Generation auf fünfundzwanzig Jahre zu bemessen. Es wären dann vier Generationen in einem Jahrhundert, mal vier, also sechzehn Fischer mit ihren Fischersfrauen und Fischerskindern. Wahrscheinlich gab es früher, dachte er, eine hohe Kindersterblichkeit, die See forderte ihren Tribut von den Fischersfamilien; ich will einmal jeder Familie vier Nachkommen zubilligen. Einen davon muss ich abziehen, weil er in der nächsten Generation als Stammhalter erscheint und nicht doppelt gezählt werden soll, dann hätten wir eine Familiengröße von Mutter, Vater und drei Kindern, also von fünf Menschen mal sechzehn wegen der vierhundert Jahre, also summa summarum achtzig Vorfahren, die heute vorwurfsvoll auf den Letzten ihrer Sippe schauen, und dies allein kann einen Menschen erledigen. Fest steht, sie haben vierhundert Jahre lang keinen Versager gehabt. Aber der Fischer ist ja noch nicht alle Tage zu Bett, es könnte vielleicht doch etwas werden. Wenn nicht, so ist es ein irrsinniges Pech, fand der Matrose und wünschte ihm von ganzem Herzen Kinder, wenigstens ein Söhnchen.

Nachdem der Matrose durch einen Erlenhain gefahren war, sah er vor sich einen kleinen Bauernhof. Der Deich verlief links etwa hundert Meter neben dem Gehöft in nördlicher Richtung weiter. Auf der Wiese vor dem Haus spielten drei kleine Mädchen und sangen dazu: Wir ziehen durch die Brücke. Sie waren ordentlich und bunt und luftig angezogen, und mit ihren hellen Stimmen erklang das gesungene Wort in einwandfreier Hochlautung. Keine Einheimischen, Feriengäste, dachte der Matrose. Das Nest ist besetzt. Ich könnte umkehren. Die Mädchen unterbrachen ihren Singsang, schauten den Matrosen einen Augenblick lang etwas furchtsam an und rannten schnell auf das Haus zu, worin sie verschwanden.

Das Gehöft hatte keinen Garten und keinen Zaun. Die Wiese, die am Deich begann, endete an der Fachwerkwand. Der Matrose hielt vor dem Haus und war sich nicht schlüssig, ob er seine bestimmt chancenlose Frage nach einem Zimmer hier stellen sollte. Da öffnete sich die Tür, und eine Frau trat mit den drei kleinen Mädchen heraus. Die Kinder blieben ängstlich bei ihr, und die Frau sagte beruhigend und lachend: Ihr Dummerchen, es ist nur ein Matrose, ein Mann, der sonst auf einem Schiff fährt. Guten Tag, sprach sie ihn an, suchen Sie jemand? Ein Kinderheim, dachte der Matrose, weil die Frau in einer schneeweißen Kittelschürze erschien und überhaupt sehr gepflegt aussah. An ihr glänzte und blitzte alles. Keine Krankenschwester, eine Ärztin, konstatierte der Matrose. - Guten Tag, sagte er, nein, ich suche niemanden. Aber ich suche ein Zimmer für den Urlaub.

So? Die Frau zog interessiert die Brauen hoch, ein Matrose fährt im Urlaub an die See! Die kleinen Mädchen wurden zutraulich und bestaunten den Matrosen, der ihnen nacheinander die Hand gab und sie fragte: Na, wie heißt du denn? Elleruth, Knicks und strahlendes Lächeln. Und du? Britta, Knicks und strahlendes Lächeln. Und du? Eleonore, Knicks und strahlendes Lächeln. Feine Namen habt ihr, fand der Matrose. Und wie alt seid ihr schon? Von sieben bis zehn, antwortete die Frau. Sie haben hübsche Kinder, sagte der Matrose. Die Frau lachte. Bitte, sagte sie zu dem Matrosen, gehen Sie hinein. Ich möchte Sie vorstellen.
Der Matrose folgte ihr ins Haus. Die drei Mädchen blieben artig draußen. Zuerst führte ihn die Frau in eine Tenne, die ihrem ursprünglichen Zweck lange nicht mehr gedient haben mochte. Der Matrose kannte solche Tennen norddeutscher Bauernhäuser. Gewöhnlich lagen zur rechten und zur linken Seite Ställe. In der Tenne wurde allerlei aufbewahrt, etwa eine Dezimalwaage, einige pralle Säcke mit Getreide, irgendwelche kleinen Gerätschaften hingen mitunter an den Balken. Manchmal stand sogar ein beladener Heuwagen mitten im Raum. Soviel Platz bot er. Hier war nichts dergleichen. Die Tenne, sauber ausgefegt, diente als Vorflur, worauf eine helle Flurgarderobe mit einem großen Spiegel in Weiß und Gold hinwies. Das Vestibül, dachte der Matrose.

Inzwischen öffnete die Frau eine Tür und rief: Vati, so schau einmal, wen ich dir hier mitbringe! Bitte, treten Sie ein, bat sie den Matrosen. Es ging zwei Stufen abwärts, dann sah der Matrose im blendenden Gegenlicht die Rückseite eines hohen Schaukelstuhls, in dem sich wohl der Vati befinden musste. Um diesen herum lagen größere und kleinere Bücherstöße. An allen Wänden standen bis an die Zimmerdecke Regale voller Bücher. Ein Professor, dachte der Matrose. Er stieg behutsam über die Literaturbarrieren, um an den Mann im Schaukelstuhl von vorne heran zu kommen. Währenddessen sagte die Frau, weshalb sich dieser Matrose hier befinde. - Guten Tag, sagte der Matrose, nannte höflich seinen Namen, betrachtete aber unbefangen den Mann, der ein Buch auf den nächsten Stapel legte und ihm die Hand gab. Der Mann trug einen grauen weichen Velvetonanzug mit dunkelgrünen Aufschlägen, und an den Füßen hatte er Kamelhaarschuhe.

Er ist mindestens so alt wie der Fischer, dachte der Matrose, vielleicht kommt er sogar über die Fünfzig hinaus; hat aber schon Haarausfall, trägt eine goldene Brille mit dicken Gläsern. Er sieht also bereits schlecht. Im Ganzen scheint auch dieser Gelehrte ein freundlicher Mensch zu sein. Nehmen Sie einfach irgendwo Platz, junger Freund, sagte der Mann und wies auf einen Stapel großer Folianten in hellen Ledereinbänden. Der Matrose hockte sich vorsichtig darauf. Die weiße Frau verließ das Zimmer.

Was führt Sie in die Abgeschiedenheit unseres Eilands, fragte der Mann und antwortete sogleich selbst: Die Liebe zur Natur, die Sehnsucht, sich vom menschlichen Getriebe zu entfernen, ihm zu entfliehen, ja? Ihnen gefällt es auf der Insel? - Die Insel ist wunderschön, sagte der Matrose. - Also kann ich eine gewisse Seelenverwandtschaft konstatieren, erwiderte der Mann im Schaukelstuhl. Es ist dies in der Tat ein lieblicher Ort, so recht nach dem herben Geschmack des Nordländers, nicht wahr? Kennen Sie die Länder hier an der Küste? Nun ja, sagte der Matrose unsicher.

Kennen Sie Pommern, Vorpommern, die mecklenburgische Küstenlandschaft, Holstein? Der Matrose nickte. Der Mann sagte: Holstein, wissen Sie, Holstein ist eigentlich besser. Dort ist die Landschaft stilreiner, möchte ich meinen. Waren Sie in Holstein? Der Matrose nickte wieder. Er erinnerte sich an das große Lager, an die Läuse, an den allgemeinen Hunger und daran, dass er den letzten Angriff britischer Flieger in Holstein überstand. Ja, er wusste etwas von Holstein. Wo waren Sie dort, wenn ich fragen darf, erkundigte sich der Mann aus dem Schaukelstuhl. In Kiel, sagte der Matrose, in Lübeck, in Plön, in Ascheberg.

Vortrefflich! In Ascheberg waren Sie? So müssten Sie eigentlich den Grafen von Brockdorf-Ahlefeld kennen. Den Grafen, fragte der Matrose, den Grafen? Den Grafen kenne ich, das heißt, ich habe ihn manchmal gesehen. Ihm fiel ein, wie er im Herbst fünfundvierzig und im Frühjahr sechsundvierzig auf den Feldern des Grafen entweder Kartoffeln sammelte oder Rüben verzog und dabei den Grafen sah, der im hellen Reitanzug zu Pferde saß, um nach dem Rechten zu schauen. - Ja, der Brockdorf-Ahlefeld, sagte der Mann und schaukelte besinnlich hin und her. Wir beide haben übrigens manches gute Geschäft miteinander gemacht, in der Tat. Sein Bruder ...

... der General, fragte der Matrose. Richtig, der General. Auch ihn habe ich gekannt. Ein sehr talentierter Offizier. Er ist tot, sagte der Matrose, ist gefallen als Kommandeur des Kessels von Demjansk. - Erstaunlich, sehr erstaunlich, junger Freund. Sie sind gut informiert, klang es aus dem Schaukelstuhl. Kunststück, dachte der Matrose, es stand groß genug auf dem Grabstein im Park des Grafen.

Gestatten Sie, fragte der Matrose, was sind Sie von Beruf? Ich bin Landwirt, befasste mich mit Saat- und auch ein wenig mit Pferdezucht. - Dies genügt für heute, dachte der Matrose. Ich werde gehen. Ich muss leider weiter, sagte er und erhob sich. Es war sehr interessant. Auf Wiedersehen. Er gab dem Mann die Hand und bewegte sich über die Bücherstapel zur Tür. Kommen Sie ruhig wieder, sagte der Mann im Schaukelstuhl. Die Sache mit dem Zimmer wird sich arrangieren lassen. Wir könnten weiter über Holstein sprechen.

In der Tür traf der Matrose auf die Frau, die mit einem Tablett herein wollte. Darauf standen drei Tassen, eine Kanne und etwas Gebäck. Sie gehen schon, fragte sie und zog die Brauen hoch. Ich muss, sagte der Matrose, es tut mir leid. Ich habe heute noch fünfzig Kilometer vor mir. Vielen Dank, auf Wiedersehen. Er ging durch die Tenne nach draußen und nahm das Rad von der Hauswand. Die kleinen Mädchen liefen herbei und streckten ihm die Hände hin: Auf Wiedersehen. Werden Sie zurückkommen, fragte eines von ihnen. Ich weiß nicht, sagte der Matrose und setzte sich in Bewegung. Dieser Mann, dachte er beim Fahren, ist also kein Hochschullehrer, und seine Frau ist keine Ärztin; allerdings, warum eigentlich nicht? Also gut, sie ist Ärztin. - Er fuhr durch den Erlenhain und wählte den Pfad, der nach Osten abbog. Der Wald kam rasch näher. Dahinter lag das Kirchlein, der Friedhof und die alte lange Pfahlbrücke, über die der Matrose zehn Minuten später die Insel verließ.

Der Matrose verlebte seinen Urlaub nicht auf der Insel. In jenem Sommer wurde ihm sein Mädchen untreu, und eine andere Liebe fand er nicht so bald.

*

Zwanzig Jahre danach erreichte ein Mann mit dem Auto über eine breite Betonbrücke diese Insel und fuhr auf festen, neuen Straßen schnell zum Fischerhaus am Deich. Im flachen Wasser vor der Insel gründelten Schwäne in weißen Gruppen. Der Fischer saß tatsächlich auf der Bank. Man sah ihm die zwei Jahrzehnte an. Er war ein wenig ergraut. Der Mann setzte sich neben ihn. Vor zwanzig Jahren war ein Matrose hier und hat nach einem Zimmer gefragt, sagte er.

Stimmt, erwiderte der Fischer und lachte. Da haben wir uns über Rütling unterhalten.


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